Rede Victor Schiering, MOGiS e.V. eine Stime für Betroffene

Auf der diesjährigen Kundgebung zum Weltweiten Tag der Genitalen Selbstbestimmung in Köln hielt Victor Schiering, der Vorsitzende von MOGiS e.V. - Eine Stimme für Betroffene, folgende Rede:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

der diesjährige Themenschwerpunkt "Medikalisierte weibliche Genitalverstümmelung" ist mir sehr wichtig. Denn im Jahre 2012, in der Debatte um Vorhautamputationen an Jungen, haben Frauen Solidarität mit Männern gezeigt. Das war für mich als Betroffener ein ganz entscheidender Impuls, selber den Mut zu finden, an die Öffentlichkeit zu gehen. In einem Radiointerview sagte die damalige Vorsitzende von TERRE DES FEMMES, dass es auch leidvoll betroffene Männer gäbe, die aus sogenannten medizinischen Gründen beschnitten seien.

Heute, am sechsten Weltweiten Tag der Genitalen Selbstbestimmung, ist es mir ein persönliches Anliegen, von dieser Solidarität etwas zurück zu geben.

Wir haben damals die Frauen aus diesen Organisationen nicht um Hilfe gebeten, nicht um ihre Hilfe bitten müssen, für unsere Rechte einzustehen. Sie haben das von sich aus getan, weil sie Menschenrechtlerinnen sind. Dafür möchte ich ihnen heute noch einmal meinen Dank aussprechen.

Ich möchte heute über kulturelle Prägungen sprechen. Jede Form von Genitalverstümmelung ist Teil von Kultur. Die Praxis selbst, die Gewöhnung daran und natürlich auch der Widerstand dagegen.

FGM, also weibliche Genitalverstümmelung, hat sich in der westlichen Kultur nicht breit etabliert. Obwohl es ja solche Versuche Ende des 19. Jahrhunderts in den USA durchaus gab. In der gleichen Quelle, aus der die Kultur der etablierten Massenbeschneidung von Jungen in den USA stammt, wurde ursprünglich auch die Teilverätzung der Klitoris mit Karbolsäure propagiert. Man sollte immer wissen, mit was man sich gemein macht, wenn man die amerikanische Beschneidungspraxis verteidigt.

Wir hier im Westen urteilen bei diesem Thema also heute vor allem über andere Kulturen. Ich finde es wichtig zu untersuchen: aus welcher Position heraus tun wir das? Welche Reflexion unserer eigenen kulturellen Prägungen geht dem eigentlich voraus?

Ich stelle hier zehn Beispiele von Prägungen in unserer Kultur zur Diskussion:

1) Der damalige Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Christoph Strässer verkündigte zum 6.2. 2015 über FGM: "Dabei erschüttert mich besonders, dass ausgebildete Ärzte den Eingriff vornehmen. Ich verurteile dies auf Schärfste, denn klar ist, dass auch eine Verstümmelung unter ärztlicher Aufsicht eine Gewalttat ist. (…) Und es kann kein Bestandteil einer Kultur sein, ihre Töchter zu misshandeln."

Das sagt ein Politiker, der selbst §1631d BGB zugestimmt hat – der Schutzlosstellung von Jungen gegen nicht-therapeutische Vorhautamputationen aus jeglichem Grund. Er steckt also selbst bis zum Hals in eigenen kulturellen Prägungen, die Menschenrechte relativieren – und greift andere Kulturen mit aggressiver Rhetorik an, die für sich ebenfalls in Anspruch nehmen, Menschenrechte zu relativieren, eben ihrer kultureller Prägung entsprechend. Er spricht anderen gar ab, hier überhaupt einer Kultur zu folgen!

Wer gibt eigentlich wem das Recht festzulegen, was für andere Bestandteil
einer Kultur ist? Bringt uns dieser Ansatz weiter, um Kinder zu schützen?

Aber schauen wir weiter auf uns hier, was eigentlich Bestandteil unserer Kultur ist!

2) Wir fordern vom anderen Ländern Gesetze gegen Genitalverstümmelung – und haben selbst das radikalste Genitalverstümmelungserlaubnisgesetz der Welt geschaffen, mit dem schon beschriebenen §1631d BGB.

3) Wir wollen, dass andere Länder FGM bestrafen – und schaffen das selbst nicht: jüngst sind zwei FGM-Prozesse krachend gescheitert. Einer in England und einer in den USA, der erste überhaupt dort, und zwar betreffend medikalisierter FGM durch eine Ärztin ausgeführt, also genau unser Schwerpunkt heute. Gescheitert am Gleichbehandlungsgrundsatz der Geschlechter. Die dort behandelten Fälle waren laut den medizinischen Gutachten nämlich de facto nicht gravierender als das was täglich mit Jungen gemacht wird, und das spielen die Verteidigungen natürlich auch aus. Es wird ganz konkret deutlich: Dem Ziel der Bestrafung von FGM hängt letztendlich die Schutzlosstellung von Jungen wie ein Klotz am Bein. Wer nur manche schützen will, schützt am Ende niemanden. Das ist die Realität!

4) Unsere Kultur fordert, dass woanders "Zero Tolerance" von FGM gilt – und wir lesen in der New York Times 2017 einen Kommentar, der rituelle Einstiche bei Mädchen wieder erlauben will – also für die Aufhebung des Zero-Tolerance-Prinzips wirbt – natürlich mit dem in den USA, einer MGM-Kultur, zu vermutenden Hintergedanken, damit die Legalität von MGM (Male Genital Mutilation) zu retten. Den Gleichbehandlungsgrundsatz der Geschlechter damit irgendwie zu wahren, aber auf fatale Weise, nämlich mit dem Ergebnis weniger Kinderschutz für alle.

5) Wir gehen mit Stoffpuppen von weiblichen Genitalien in afrikanische Länder, und erklären daran die Anatomie und Funktion – dabei wissen laut Studien viele US-Männer nicht einmal, ob sie beschnitten sind oder nicht, lernen Ärzte in Deutschland über die wichtigste erogene Zone bei Männern, die Vorhaut, im Studium nur wie man sie abschneidet, aber nichts zu ihrer Entwicklung und Funktion.

6) Wir fordern in anderen Ländern die Gleichberechtigung der Geschlechter – und haben in Deutschland zwei verschiedene Gesetze zu Genitalverstümmelung, die jeweils nur für ein Geschlecht gelten! Das muss man sich mal
vergegenwärtigen!

7) Wir fordern von anderen Kulturen die Überwindung von Geschlechterstereotypen, aber kultivieren bei uns eine Prägung, wonach weibliche Genitalien in jedem Quadratmillimeter wertvoll und unantastbar sind, männliche Genitalien hingegen aus zu einem großen Teil angeblich unnützen Hautstücken bestehen.

8) Wir fordern zu Recht Maßnahmen angesichts von durch FGM getöteten Mädchen in Afrika - aber wenn wie letzten Sommer ein männlicher Säugling in Nürnberg fast verblutet, nach dem was ihm hier von Gesetz her zugemutet werden darf – sieht niemand Handlungsbedarf: kein UNICEF, kein Kinderschutzbund, kein Kinderhilfswerk, geschweige denn die Politik.

9) Wir erwarten, dass sich die Medizin in FGM-Kulturen des Kinderschutzes
annimmt – und im Entwurf der neuen Kinderschutzleitline in der Medizin hier in Deutschland 2015 war weder FGM noch MGM als Thema vorgesehen. Wir
haben in einem offenen Brief dagegen protestiert, der von über 500 Personen darunter viele Ärzte unterschrieben wurde. Ob wenigstens der Schutz intersexueller Kinder Thema geworden ist, konnte ich leider nicht in Erkundung bringen.

10) Unser Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unterstützt Projekte gegen FGM in Afrika – und gleichzeitig unterstützt es Projekte für MGM in Afrika! Schizophrener geht es nicht gar nicht mehr. Das ist unsere Kultur!

Nicht zuletzt das Scheitern der jüngsten FGM Prozesse, und auch mehrere
Vorstöße in Afrika FGM in gewissen Formen zu dulden, darüber haben Medien berichtet, zeigen: Zum Schutz von Mädchen können wir nur wirklich effizient beitragen, wenn widerspruchsfrei argumentiert wird.

Ein fruchtbarer Dialog kann nur auf der Basis von Respekt gelingen.

Respekt bedeutet: dass man das was man anderen an Selbstkritik abverlangt auch selbst zu leisten bereit ist. Denn was andere weit weg für sich wichtig halten ist immer viel leichter zu beschimpfen und sich darüber zu empören als das was im eigenen Umkreis passiert.

Fruchtbarer Dialog geht vor allem nur auf der Basis, wie es auch auf einem der Plakate hier steht: Alle Eltern lieben ihre Kinder. Und das gilt auch für
Eltern, die nicht nur ihre Söhne, sondern auch ihre Töchter verstümmeln.

Nun empörte sich Herr Strässer ja so besonders über FGM, die von Ärzten durchgeführt wird.

Was sagen wir da, wir, aus einem Land, das sich brüstet, mit der medikalisierten männlichen Genitalverstümmelung gar einen angeblichen Kompromiss per Gesetz etabliert zu haben – übrigens einer der absurdesten Mythen der deutschen Beschneidungsdebatte? Wenn wir so ehrlich sind, an uns die
gleichen Maßstäbe anzusetzen, können wir da eigentlich nur in größte Scham versinken.

Wir finden: Wenn Mädchen nur geschützt werden sollen, weil sie eben zufällig mit weiblichen Genitalien zur Welt gekommen sind und bei uns ein patriarchalisches Geschlechterstereotype vorherrscht, nach dem Mädchen schwach und schutzbedürftig und Jungs hart im Nehmen sind, dann steht dieser Schutz von Mädchen auf viel zu dünnem Eis.

Mädchen gehören nicht von kulturellen Zufallsprägungen ihrer Umgebung
heraus geschützt, die überall auf der Welt anders sind und sich ändern können.

Mädchen gehören geschützt weil sie Kinder sind und ihnen Menschenrechte
zustehen!

Aber selbst diese Menschenrechte wackeln hier bei uns leider ganz beträchtlich. Machen wir uns nichts vor! Viele unterstützende Stimmen zum Schutz von Mädchen hier in unserer westlichen Welt verstummen nämlich augenblicklich, wenn damit verbunden ist, dass Jungen genauso geschützt werden müssen. Wenn wir endlich die notwendige Debatte über gleichen Schutz für alle Kinder hier zulassen – dann werden wir mal sehen, wer auch dann noch für Zero-Tolerance bei Verletzung von Mädchenrechten steht! Ich bin gespannt!

Einen Hinweis darauf gibt ja schon, nämlich dass einige große sogenannte
Kinderschutzorganisationen den Aufruf zum 7. Mai nicht mittragen oder auch sonst zu MGM schweigen. Es heißt da manchmal als Rechtfertigung, der Aufruf zum heutigen Tag würde etwas „gleichsetzen.“ Und das lehne man ab.

Darauf antworte ich: Das einzige was der heutige Aufruf gleichsetzt, das ist gleicher Schutz für alle Kinder!

"Gleichgesetzt" würde dann auch im Recht für gewaltfreie Erziehung oder in der Zusammenfassung verschiedener Formen von FGM durch die WHO. Aber daran nehmen diese Organisationen keinen Anstoß. Warum nun hier auf einmal dieses seltsame Argument?

Der Grund: Weil sie Jungen einen grundsätzlichen ethischen Schutz noch nicht zugestehen. Weil sie für Jungen noch nicht bereit sind, kontroverse gesellschaftliche
Debatten zu führen – selbst dann nicht, wenn dadurch die bereits erreichten Schutzrechte für Mädchen wieder akut gefährdet sind! Das entspricht eben – noch - unserer Kultur!

Eins können wir heute am 7. Mai jedenfalls deutlich sagen: Die 55 Organisationen die heute diesen Tagen in zwölf Ländern und auf fünf Kontinenten unterstützen, stehen für den Schutz von Mädchen ein – immer und ohne Einschränkung!

HIER kommen Vertreter viele Kulturkreise zusammen, die bereit sind, auch bei SICH hinzuschauen. Eigene Prägungen zu hinterfragen, auch wenn es sehr schwer fällt. Das bedeutet Respekt vor anderen! Das bedeutet Gleichberechtigung und Glaubwürdigkeit! Und das lohnt sich:

Manches entsteht schon ganz konkret, aufgrund von in Köln beim WWDOGA begonnenen Begegnungen. Projektarbeit in Kenia von Aktion Regen Wien für sexuelle Gesundheit und Schutz von Frauen ging jetzt erstmals Hand in Hand mit derer männlicher Aktivisten vom vmmc-experience-project, die für ihre Selbstbestimmungsrechte und für den Gebrauch von Kondomen werben. Ist das nicht großartig? So etwas kann entstehen, wenn man den Mut hat, sich selbst und anderen gegenüber ehrlich zu sein.

Hier bei uns entstehen die neuen Bündnisse! Darin liegt eine große Chance!

Nur brauchen diese Bündnisse auch Unterstützung! Die großen Kinderschutzverbände müssen sich endlich bewegen und zu diesen Entwicklungen beitragen, anstatt hier einfach GAR NICHTS zu tun und andere die Arbeit machen zu lassen, für die sie eigentlich die viel größeren Mittel haben! Wie kann es sein, dass wir als ehrenamtlicher Betroffenenverein z.B. Aufklärungsarbeit in Stellen für geflüchtete Menschen leisten müssen, weil sich große hauptamtliche NGOs konstant weigern, in ihren Projekten auch über Schutz von Jungen zu sprechen! Das ist schlicht ein Skandal, und das darf ihnen die Öffentlichkeit auch nicht mehr einfach so durchgehen lassen. Kinderschutz ist ein kein Wettbewerb der besten Ausreden, sondern ein Wettbewerb um die besten Ideen zu handeln!

Wir bieten weiter an, machen Vorschläge, auf unser gemeinsames Ziel hinzuarbeiten, beharrlich und friedlich: Die Verwirklichung unteilbarer Kinderrechte.

Dazu schicken wir eine Frage um die Welt: Mehr oder weniger Kinderschutz für alle? Wir stehen genau an dieser Weggabelung. Wer von Gleichberechtigung spricht, muss sich diese Frage stellen und sich entscheiden, wohin die Reise geht und wozu er oder sie beiträgt.

Der 7. Mai sagt klipp und klar: Nicht weniger, sondern mehr Schutz für alle Kinder!

Lasst uns weltweit für Wege dahin arbeiten.

Lasst uns einander zuhören, denn dabei werden wir viel voneinander lernen.